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Mit Vollgas bis zum eidg. Fachausweis

Mit Vollgas bis zum eidg. Fachausweis

Im Oktober vom letzten Jahr stellte mir Martin eine grosse Frage. Wir haben gemeinsam die Ausbildung in Farb- und Stilberatung absolviert und sind Freunde geworden. Martin fragte mich also, ob ich mit ihm zusammen den eidgenössischen Fachausweis absolvieren möchte. Nach einiger Überlegungszeit entschied ich mich dafür. Fragen Sie sich, warum ich mich zu diesem Schritt entschieden habe? Ganz einfach. Bisher habe ich mehrere Ausbildungen in unterschiedlichen Bereichen absolviert, bin aber nie wirklich aufs Ganze gegangen. - Das war die Motivation, es diesmal besser zu machen und bei dieser Ausbildung alles zu erreichen, was möglich war.

Wir haben unsere Anmeldungen Anfang November abgeschickt. Es braucht mindestens vier Kandidaten, damit die Prüfung stattfinden kann. Anfang Januar erhielten wir den Bericht, dass die ominöse Prüfung am 10. und 11. April stattfinden wird.

Sofort erstellten wir einen super Arbeitsplan, fixierten Daten, an denen wir gemeinsam arbeiten wollten. Dann holten wir noch zwei weitere Welsche ins Boot, die sich ebenfalls angemeldet hatten. Mit einer Doodle-Umfrage wurden wir uns einig. Die Arbeit konnte beginnen!

Ich war ziemlich gestresst, denn mein Zeitplan ist eng getaktet: Als Mutter, Selbständige und Teilzeitangestellte habe ich viel zu tun. Nun galt es, meine ohnehin gut gefüllte Agenda mit den Repetitionsdaten zu ergänzen... Voll motiviert beschloss ich, jeden Abend von 20:00 bis 21:00 Uhr zu repetieren und Zusammenfassungen zu schreiben. Dazu natürlich auch an einigen Samstagen...

Die Organisation - das war Theorie. Wie man leicht erahnen kann, vollzog sich die Praxis leicht anders als geplant. Okay, ich gebe zu, dass ich nicht immer ganz diszipliniert war. Wenn man von der Arbeit nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommt, den von Energie übersprühenden 15 Monate alten Sohn in die Arme nimmt, das Abendessen kocht und für den Folgetag vorkocht, der Junior gebadet werden will, ja und trotz einem unterstützenden und verständnisvollen Ehemann kann es dann doch vorkommen, dass man einfach nur erschöpft ist und die Repetition fallen lässt...

Kurz und gut, drei Monate gehen schnell vorbei, wenn man die beiden Ausbildungsordner repetieren will. Meine Ausbildung hatte ich im März 2015 abgeschlossen und es wurde mir im Nachhinein bewusst, dass ich manchmal nicht wirklich zugehört hatte und statt dessen lieber mit Martin gewitzelt habe. Und ich habe jeweils abgehängt, wenn es hiess, dass dieser Kurs nicht Bestandteil der eidgenössischen Fachprüfung ist. Das Gute daran war, dass ich dadurch einen coolen Freund gefunden habe.

Im Januar beschloss ich, meine schriftliche Arbeit abzuschliessen und sie an ein paar Personen zur Korrektur zu schicken. Ich hatte wenig Zeit, um ein paar Personen zu finden, die stark im Schreiben sind, die Rechtschreibung beherrschen und natürlich die Grammatik. Die sozialen Netzwerke waren hilfreich. Nach nur einem Aufruf in mehreren Gruppen wurde ich von ein paar Leuten kontaktiert, die ich nur teilweise kannte und die sich netterweise für diese Arbeit zur Verfügung stellten. Das hat mir gezeigt, dass es tatsächlich noch nette und grosszügige Menschen gibt.

Nun verblieben nur noch wenige Tage bis zur Prüfung. Meine Zusammenfassungen waren gemacht und ich verbrachte meine Freizeit mit der Repetition. Der Druck steigt. Ich beherzigte den Tipp von Zoë, doch in Bern zu übernachten, um nicht noch dem Reisestress und vollen Autobahnen ausgesetzt zu sein. So fand ich ein Nachtlager bei einem Kollegen von Martin, bei dem ich zweimal übernachten durfte. Noch ein sehr netter Mensch, den ich dadurch kennenlernte. So kam ich am Sonntag in Bern an, sehr ausgeruht. Nein, stimmt nicht! Mein Sohn hatte an beiden Wochenenden nicht geschlafen, weil er krank war. So funktionierte es auch mit den letzten Prüfungsvorbereitungen meinerseits nicht ganz. Am Sonntagabend hielt ich meinen Kopf ein letztes Mal in die Ordner und Zusammenfassungen versenkt bis um ich weiss nicht mehr wie spät. Die Schlaflosigkeit meines Sohnes hatte sich wohl auf mich übertragen.

Montagmorgen, der Wecker klingelt, ich war bereits wach. Ich springe aus dem Bett und bereite mich vor. Martin holt mich ab und wir gesellen uns zu den andern Prüflingen.

Der Ablauf der beiden Tage wird erklärt. Die Planung war eindrücklich und sehr exakt vorbereitet. Wir waren mehr oder weniger paarweise unterwegs. Zwei waren an den schriftlichen Prüfungen, während die zwei andern die praktischen Prüfungen ablegten.

Bei der praktischen Prüfung lerne ich meine ersten Expertinnen kennen. Sie sind sehr sympathisch und lächeln mich freundlich an, was mich entspannt. Ich fühle mich gut und beginne vertrauensvoll. Es gibt nur etwas, was mich ein wenig verunsichert. Mein Modell ist von deutscher Muttersprache, so dass ich ihr manchmal etwas erklären muss. Trotzdem fühlte ich mich so gut mit ihr, dass wir uns sehr entspannt unterhalten konnten.

Aber bei den schriftlichen Prüfungen war ich gestresst. Ich zweifelte an mir und meinem Wissen. Doch zumindest schaffte ich es, alle Fragen zu beantworten. Das war ja das Wichtigste und gab mir wieder Vertrauen.

Dann erhielt ich zwei andere Expertinnen, die mir viel strenger erschienen. Sie sprachen oft zusammen während meiner Stilanalyse. Das hat mich ein wenig verunsichert. Ich fragte mich dann, ob ich den Fragebogen richtig ausgefüllt hatte. Ich entschied mich, mich nur auf mein Modell und meine Arbeit zu konzentrieren. Es war eine ältere Frau mit einem schönen Gesicht. Sie war sehr nett und mein Vertrauen kam zurück.

Der erste Prüfungstag war gut gefüllt. Ich war hin- und hergerissen über meine Arbeit. Abends haben Martin und ich uns bei einer Pizza und einem Bier entspannt. Das hatten wir uns wirklich verdient! Martin schätzte den Tag genau so ein wie ich und hatte Angst vor dem zweiten Prüfungstag...

Am zweiten und letzten Prüfungstag hatten wir bewölktes Wetter. Wir begannen mit der Farbanalyse. Habe ich schon erwähnt, dass sich die Prüfungszimmer in einem Schulhaus befinden? Es hatte Holztische und auch sonst waren die Zimmer voller Möbel und Bilder an den Wänden. Es war somit kein idealer Ort für eine Farb- und Stilberatung, aber ein Profi weiss sich anzupassen. Die Farbanalyse machte mir am meisten Angst.

Ich treffe ein, mein Modell ist eine junge Frau mit dunkelblonden Haaren. Ihre Haut ist voller Sommersprossen. Auf Anhieb erscheint sie mir ziemlich schwierig zu analysieren und mein innerer Druck nimmt zu. Ich bereite meine Siebensachen vor und konzentriere mich, so und nun bin ich bereit. Ich beginne. Die junge Frau unterbricht mich und sagt mir, dass sie kaum Französisch spricht une dass ich doch bitte langsam sprechen soll. Echt, in diesem Moment war das zuviel für mich. Wie soll ich ihr erklären, was ich sehe, wenn sie es nicht versteht? Ich habe Bauchweh, fühle mich nicht sehr gut und einen Moment lang sehe ich überhaupt nichts mehr. Ich benutze die Gesichtsovale, will ihr mitteilen, was ich sehe und stelle fest, dass wir uns nicht verstehen. Hier greifen die Expertinnen ein und stellen mir ein paar Fragen - puuh, es läuft nicht so gut! Ich nehme mich zusammen, schliesse meine Augen für einen kurzen Moment und entscheide mich, mein Vertrauen wieder zu aktivieren. Es funktioniert. Indem ich die Augen öffne fühle ich mich ruhig und erkenne die Unterschiede der Farbtücher auf ihrem Gesicht auch wieder.

Dann kommt das Schminken. Die Modelle treffen ein. Die meisten sind jung, nur eines ist älter. Es ist die kleine Dame, mein Modell aus der Farbberatung. Ich sage mir, dass die ältere Frau bestimmt die Schwierigste zum Schminken sein wird. Und ich hoffe, dass nicht ich sie schminken muss. Es ist leicht zu erraten, wem sie zugeteilt wurde oder? Mir natürlich: "Frau Cantin, hier ist Ihr Modell!". Dann aber geht es viel besser als ich mir vorstellen konnte. Wir waren wie zwei Komplizinnen. Sie hat sich dermassen entspannt, dass sie beinahe eingeschlafen ist. Ich sage meiner Expertin, dass sie mir deswegen Zusatzpunkte aufschreiben kann... Ja, mir hilft, manchmal einen Witz zu machen, es entspannt mich. Am Ende des Schminkens ist mein Modell entzückt. Es ist zwar ein stärkeres Make-up als sonst, die Prüfung verpflichtet (!), aber sie sieht so gut aus damit. Sie erklärt, dass sie sich daran gewöhnen könnte! Die Expertin lächelt mir zu und ich bin zufrieden!

Dann kommt als Abschluss die Präsentation meiner schriftlichen Arbeit. Ich habe mich gut darauf vorbereitet, treffe ein mit meinen Bildern und setze mich nicht unter Druck, denn meine Arbeit kenne ich in- und auswendig!

Nun ist die Prüfung beendet und wir warten auf das Ergebnis, das im Mai eintrifft, was uns verständlicherweise unendlich lange erscheint...

Wie freue ich mich, als ich einen Brief vom FSFM erhalte: "Wir gratulieren Ihnen zur bestandenen Prüfung!"

Und wie bin ich schön ist es für mich, diese gute Neuigkeit meinem Mann mitzuteilen! Heute bin ich stolz auf mich, stolz darauf, diese Herausforderung bestanden und gewonnen zu haben.

Ich will meine Tätigkeit nun speziell auf Berufstätige ausrichten. Ich hoffe, dass mir der eidgenössische Ausweis hilft, beio Unternehmen noch glaubwürdiger aufzutreten.

Eigentlich dachte ich, dass der eidgenössische Fachausweis in Farb- und Stilberatung das Ende meiner Ausbildung sei. Doch hat man wirklich irgendwann genug gelernt, der Weg geht doch immer weiter...

www.delphinecantin.com

Herbsttreffen der welschen FSFM-Mitglieder
Hey, und das von einem Profi...

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Freitag, 24. November 2017