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Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode

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Diese Ausstellung ist ein Muss für alle, die sich für Mode und Kleidung interessieren. Sie findet im Textilmuseum St. Gallen statt und dauert noch bis am 5. Juni 2017. Ich habe sie selber besucht und weiss nun deutlich mehr darüber, was im Hintergrund alles geschieht, bis der Pulli im Regal liegt.

Da werden Dinge aufgezeigt, die man einfach wissen muss. Dinge, die man oft gerne überliest. Es geht dabei nicht um Weltuntergangsstimmung sondern um Realitäten. Da gerade in der Farb- und Stilberatung das "Weniger ist Mehr" propagiert wird, passt Fast Fashion perfekt dazu. Mehr wissen - reifer entscheiden.

Die Ausstellung beleuchtet die Hintergründe der globalisierten Produktion von Mode. Sie befasst sich auch mit den Produktionsmechanismen, mit wirtschaftlichen und sozialen Aspekten, aber auch mit Umweltfragen.

Was ist Fast Fashion?

Der Begriff «Fast Fashion» bezeichnet eine Unternehmensstrategie, deren Ziel es ist, in immer kürzeren Abständen neue Mode in die Geschäfte zu bringen.

fastfashion 07 cjzurcherKlassische Modesegmente wie Haute Couture, Prêt-à-porter und mittelpreisige Konfektionsware beschränken sich auf wenige Kollektionen pro Jahr. Billiglabel hingegen lancieren im gleichen Zeitraum zwölf und mehr Kollektionen! Das soll vor allem junge KundInnen häufiger in die Läden locken und zum Kaufen animieren.

Viel Arbeit für winzigen Lohn

Die KonsumentInnen und der Handel profitieren von Schnäppchenpreisen. Und wer hat die Zwei am Rücken? Natürlich die Menschen am Ende der Produktionskette: Sie leisten unendlich viele Arbeitsstunden bei minimalstem Lohn. Die Arbeitsbedingungen sind teilweise desaströs.

fastfashion akhter thelife struggleofgarmentworkersSelbstverständlich fehlt es an sozialer Absicherung und Bildungsmöglichkeiten. Gesundheits- und Umweltschäden sind die Folge.Das ist die Folge einer rücksichtslos auf Gewinnmaximierung ausgelegten Unternehmenspolitik.

Slow Fashion-Bewegung

Nach dem verheerenden Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, im Jahr 2013, wurden die Missstände zunehmend auch in den Medien thematisiert. Darauf formierte sich in den vergangenen Jahren die Slow Fashion-Bewegung.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die komplexe globale Problematik einfachen und schnellen Lösungsansätzen entgegensteht.

Das Wissen um die Probleme der Fast Fashion ist durch die zahlreichen Medienberichte und Dokumentarfilme in den vergangenen Jahren gewachsen.

Die Verflechtungen der globalisierten Textilwirtschaft sind jedoch zu komplex, um einfache Lösungen wie Produktempfehlungen oder Handlungsanweisungen zuzulassen.

Das Problem der Qualitätssiegel

Die diversen Qualitätssiegel werden in der Ausstellung Fast Fashion vorgestellt. Leider berücksichtigen sie immer nur Teilaspekte der Textil- und Kleidungsherstellung, wie zum Beispiel die Herkunft der Rohstoffe, aber nie die gesamte Produktionskette.

Ähnliches gilt für die vielen positiven Initiativen und Projekte im Bereich nachhaltiger Mode.

Wir Konsumenten sind gefordert und aufgefordert!

Und so obliegt es letztendlich dem Konsumenten, sich mit der Fast Fashion auseinanderzusetzen. Er sollte das eigene Kaufverhalten reflektieren, hinterfragen und verstehen, dass er ein mitverantwortlicher Teil des Systems ist.

Anhand von sechs Stationen werden die Themenkomplexe Konsum, Ökonomie und Ökologie behandelt.

Fashion Victims

Dieser Begriff bezeichnet die beiden Seiten des Modekonsums: hier die Verbraucher der Überflussgesellschaft, dort die wirklichen Opfer am anderen Ende der Produktionskette.

Die Konsumenten der westlichen Welt wetteifern um die Limited Editions und Schnäppchen bekannter Fast Fashion Brands, die ebenso gezeigt werden wie so genannte Haul Videos. In diesen selbstgedrehten Filmen präsentieren überwiegend jugendliche Käufer die Beute ihrer Shoppingaktionen.

Hybride Konsumenten

Die niederländische Designerin und Künstlerin Elisa van Joolen beschäftigt sich in ihrer Arbeit 11“ x 17“ mit dem hybriden Konsumenten, der sich nicht eindeutig einem Preis-segment zuordnen lässt, sondern sowohl Discounterware als auch Qualitätsprodukte kauft.

fastfashion mitchell clothing recycled 5Die aus Bangladesch stammende Dokumentarfotografin und Aktivistin Taslima Akhter porträtiert in ihrer beklemmenden Fotoserie Death of a Thousand Dreams das Schicksal der Textilarbeiter nach dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Dhaka, Bangladesch, im Jahr 2013.

Auch der deutsche Künstler Manu Washaus bezieht sich mit seiner Arbeit Sweater. Study of the Possible II auf das kritische Verhältnis von Verbraucher und Produktion von Konsumgütern.

Mangel und Überfluss

Der zweite Schwerpunkt zum Thema Konsum lautet Mangel & Überfluss.

Auf eine Hohlkehle, wie sie auch für Modefotografien verwendet wird, ist der Film Unravel der indischen Filmemacherin Meghna Gupta zu sehen. Die Arbeit setzt sich, ebenso wie die Fotografien Clothing recycled des englischen Dokumentarfotografen Tim Mitchell, mit der Verarbeitung von Altkleidung zu Notdecken im indischen Panipat auseinander.

Der niederländisch-kanadische Fotokünstler Paolo Woods thematisiert mit seiner Arbeit PEPE den Rückfluss gebrauchter T-Shirts aus Nordamerika nach Haiti an den ursprünglichen Ort ihrer Produktion.

Ergänzt wird dieser Themenkomplex mit einem Film über Mitumba, die Altkleidermärkte in Afrika.

Global und Lokal

Auf einer Litfass-Säule können sich die Besucher über die Zusammenhänge Global & Lokal in der Bekleidungsökonomie informieren. Der gesamte Produktionsprozess vom Rohstofflieferanten bis zum Endverbraucher ist eine der komplexesten in der globalen Wirtschaft.

Keine Gewähr bei "Made in"

Die einzelnen Herstellungsschritte eines Produkts erfolgen in ganz verschiedenen Ländern. Dashalb sind die weit verbreiteten Made In-Labels in den Kleidungsstücken leider wenig aussagekräftig.

Lohn und Gewinn

Das Thema Ökonomie wird durch eine Arbeit von Taslima Akhter dargestellt. In einem Filmzusammenschnitt wird die Situation der Textilarbeiter in der Türkei, Bulgarien und Marokko aufgezeigt.

fastfashion 06 cjzurcherNeben den Arbeitsbedingungen wird der verheerende, nicht Existenz-sichernde Arbeitslohn thematisiert, dessen Kosten im Allgemeinen maximal ein bis zwei Prozent des Endpreises ausmachen.

Tanzen wie ratternde Nähmaschinen

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Situation der TextilarbeiterInnen unternimmt die Choreografin Helena Waldmann. Zusammen mit zwölf Kathak-TänzerInnen hat sie in den berühmt-berüchtigten Textilfabriken Bangladeschs recherchiert und die Arbeitsbedingungen, die sie dort vorfand, in Tanz umgesetzt.

Den nordindischen Kathak, den die farbenfroh gekleideten TänzerInnen in den Boden hämmern, hat Helena Waldmann aller Ornamentik beraubt. Die Füße treten mit den Stichen der ratternden Nähmaschinen ebenso um die Wette wie ihre Pirouetten mit den Garnspulen.

Die schnellen Rhythmen des Kathak-Tanzes machen die Erschöpfung körperlich spürbar.

Achtung Chemikalien!

Der dritte große Themenkomplex Ökologie verweist auf einen Zusammenhang, der selten mit der Bekleidungsindustrie in Verbindung gebracht wird: Chemikalien & ökologischer Fußabdruck.

fastfashion 08 cjzurcherMan bedenke, dass heutzutage nahezu jedes Kleidungsstück veredelt oder behandelt wird. Es ist also mit Chemie behaftet.

An einer Kleiderstange in der Ausstellung hängen verschiedene Kleidungsstücke mit ihrem jeweiligen chemischen Steckbrief. Das ist extrem aufschlussreich!

Bis 7'000 Chemikalien

Diverse Filme informieren über das schädliche Sandstrahlen von Jeans für den beliebten Used Look, über die gefährlichen PFC (Per-und polyfluorierte Chemikalien) sowie über den lebensgefährlichen Einsatz von Pestiziden, der nicht selten tödlich für die Arbeiter endet.

Entlang der textilen Produktionskette werden insgesamt bis zu 7‘000 Chemikalien eingesetzt. Die gesamte Textil- und Bekleidungsindustrie gehört damit zu den sieben größten Umweltverschmutzern.

Eine Video-Perfomance der St. Galler Künstlerin Andrea Vogel, die sich in einem Kleid aus Müllsäcken in einer ausgetrockneten Brunnenanlage postiert, thematisiert die verheerenden ökologischen Folgen der Billigmode.

Slow Fashion

Die Ausstellung endet mit einer Installation zum Thema Slow Fashion.

fastfashion 12 cjzurcherMit gewohnt spitzer Feder verweist der Schweizer Künstler Ruedi Widmer in eigens für die Schau konzipierten Cartoons auf die Tücken, denen sich der verantwortungsbewusste Konsument beim Kleiderkauf gegenübersieht.

Begleitprogramm

Zur Ausstellung wird ein Begleitprogramm geboten mit Vorträgen und Workshops angeboten. Dadurch werden Handlungsoptionen aufzeigt, die als Alternative zum gedankenlosen Konsum zu verstehen sind. www.textilmuseum.ch/veranstaltungen/


Ausstellungskatalog

Magazinformat. Von Sabine Schulze und Claudia Banz, mit Beiträgen von Claudia Banz, Marina Beermann, Jamil Bhuiyan, Marc Brandt, Kirsten Brodde, Ina Budde, Stephan Engel, Sabine Franke, Anke Hagemann, Patrick Kugler, Bettina Musiolek, Lucy Norris, Ralph Pirow, Angelika Riley, Frank Schmidt, Marijke Schottmer, Carolin Wahnbaeck, Waltraud Waidelich, Friederike von Wedel-Parlow, Miriam Wolf und Brigitte Zietlow, ca. 200 Seiten, ca. 35 farbige Abbildungen und ca. 20 Grafiken, 10 CHF.


Beteiligte Künstler:

Taslima Akhter, Susanne A. Friedel, Tim Mitchell, Elisa van Joolen, Andrea Vogel, Helena Waldmann, Manu Washaus, Paolo Woods

 

Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode
26. Oktober 2016 bis 5. Juni 2017
Textilmuseum St. Gallen

Textilmuseum St. Gallen, Vadianstrasse 2, 9000 St. Gallen

Tel +41 71 228 00 10

, www.textilmuseum.ch,

Täglich geöffnet von 10-17 Uhr

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